„Die Menschheitsgeschichte. Die Kunst-, Literatur- und Musikgeschichte. Die Geschichte der Evolution selbst. Sie alle wurden uns als objektive Fakten präsentiert. In Wahrheit haben diese Fakten uns belogen. Sie alle wurden verzerrt, weil sie die Hälfte der Menschheit nicht berücksichtigen – nicht zuletzt durch die Worte, mit denen wir unsere Halbwahrheiten vermitteln. Dieses Scheitern hat zu Lücken in den wissenschaftlichen Daten geführt und hat das korrumpiert, was wir über uns selbst zu wissen glauben. Es hat den Mythos männlicher Universalität befördert. Und das ist eine Tatsache.“
S.43
Caroline Criado Perez nimmt uns mit auf eine Reise um die Welt, durch alle gesellschaftsrelevanten Bereiche und alle Themen unserer Lebensgestaltung und zeigt uns, wo wir in den einzelnen Ländern, aber auch weltweit stehen in der Einbeziehung weiblicher Lebensrealität in männlich gestaltete Räume. Es ist oft schwer zu verstehen, wie wenig Relevanz die Bedürfnisse und Anliegen der halben Weltbevölkerung haben. Und, obwohl das Buch schon ein paar Jahre alt ist, zeigt es in Zusammenhang mit zunehmendem Einfluss von KI, dass diese Problematik durch die Auswahl von Algorithmen sich noch verstärken wird. Ein Beispiel vorab: „27 % der CEOs in den USA sind weiblich, aber nur 11 % der Ergebnisse der Google Bilderbuch zeigten Frauen. Die Suche nach >>Autor/in<< erbrachte nur 25 % Frauen, obwohl die Autorinnen in den USA 56 % stellen. Und das ist hier ein Ergebnis, die die weibliche Form im Wort mit einbezieht! Was geschieht also bei der Suche nach >>Autoren<<? Ich habs gemacht, für Deutschland und muss sagen, erstaunlicherweise war mindestens die Hälfte mit weiblichen Namen besetzt. Bei der Bildersuch sieht es aber anders aus. Auf die Frage nach „Bildern deutscher Gegenwartsautoren“ werden unter 72 Bildern 5 Bilder von Frauen gezeigt!
Aber das sind nur plakative Beispiele zum Verständnis. Die bedeutendsten Fragen kreisen um die Themen des weiblichen Körpers und seiner Gesundheit, um die unbezahlte Care-Arbeit und um die Gewalt gegen Frauen. Zum Beispiel als Opfer in Kriegen, auf der Flucht, in Auffanglagern, auf der Toilette …
Noch heute werden vor allem Männer als Wissenschaftler aufgeführt, als Probanden herangezogen, als Untersuchungspersonen für Medikamente, für Crashtests als exemplarisch gewählt usw., kurzum, Männer sind immer noch in allem der Maßstab. Die Feminist*innen des 20. Jahrhunderts haben diese Maßstäbe hinterfragt und die Problematik, die mit der Verallgemeinerung des Männlichen einhergehen erkannt.
Dass wir den Feminismus nicht hinter uns lassen können, weil er seine Aufgaben erfüllt hat, wissen wir. Ein Rollback in allen Bereichen zeigt, wie die Macht von manipulativen Medien ihre Wirksamkeit entfaltet, indem junge Mädchen und Frauen wieder sexualisierten Schönheitsidealen anhängen und daran gemessen werden, traditionellen Frauen- und Rollenbildern folgen – Trad-Wifes – und eine Mehrzahl junger Menschen wieder zu traditionellen Rollenerwartungsmodellen zurückkehrt (laut einer Studie wünscht sich die Hälfte der 20 – 25 jährigen wieder eine klassische Rollenverteilung).
Und nun zum Thema, das die Journalistin Caroline Criado-Perez erschreckend deutlich in den Fokus nimmt: Welche Folgen hat die Nichtbeachtung von Geschlecht in einer Gesellschaft, die ihre Gestaltung aus der Analyse von Daten ableitet, wenn diese Daten nur aus Daten eines Geschlechts bestehen?
Wie sehr unsere Meinungen, unsere Haltungen und unsere Lebensgestaltungsentwürfe von Daten abhängen, wissen wir mittlerweile. Und dass die gesamte Daten-Welt eine männlich geprägte ist, wissen wir auch. Vor über zehn Jahren hat Wikipedia, unsere bedeutendste Wissensenzyklopädie, versucht, mit speziellen Unterstützungsprogrammen mehr Frauen als Autorinnen zu gewinnen. Denn es gibt keinen neutralen Wissensschatz.
Beispiel Medizin: Bedeutend mehr Männer erleiden einen Herzinfarkt, aber bedeutend mehr Frauen sterben daran, weil sie andere Symptome haben und während des Medizinstudiums allein der männliche Herzinfarkt bis vor nicht langer Zeit beispielgebend war. (in Deutschland wissen wir das schon lange und haben es in das Medizinstudium einbezogen, in anderen Ländern, auch der EU sieht es zum Teil anders aus)
ADHS wird bei Mädchen sehr häufig nicht diagnostiziert, weil sie aufgrund der Rollensozialisation nicht überdreht auftreten, sondern eher introvertiert, unorganisiert, verplant.
Zu PMS gibt es kaum Studien, weil es, wie vieles in die psychosomatische Ecke geschoben wird. Genauso Endometriose oder Beckenvenensyndrom. Die durchschnittliche Leidenszeit, in der Frauen häufig mit Antidepressiva behandelt werden, anstatt den Schmerzen auf den Grund zu gehen, beträgt laut Criado-Perez acht Jahre.
Apropos PMS – es gibt so gut wie keine Studien über die Wirksamkeit von Medikamenten in den verschiedenen Phasen des Zyklus.
In dieser Art gibt es eine Reihe von Beispielen aus dem Alltag, bei denen es zum Teil fatale, also wirklich schicksalsbestimmende bis hin zu tödlichen Folgen zeitigt, dass kein gendersensibler Blick auf die Erhebung von Daten geworfen wird. Und die Erhebung von Daten ist das, was unser heutiges Leben bestimmt.
„Ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO über Frauengesundheit in der EU besagt, dass im Jahr 2013 >>selbst in Ländern mit der höchsten durchschnittlichen Lebenserwartung Frauen fast zwölf Jahre bei schlechter Gesundheit zubringen<<.
( 307)
Beispiel Stadtplanung: Nach der Weltwirtschaftskrise 1929, also vor knapp hundert Jahren, haben sich die Wirtschaftsmächte zusammengetan und ein Instrument entworfen, mit dem die Wirtschaftskraft eines Landes bemessen werden kann und mit dem Prognosen aufgestellt werden können. Um zukünftige Krisen solchen Ausmaßes zu verhindern. Dabei wurde das Bruttoinlandsprodukt als Ermittlungsfaktor erfunden. Man hat sich dafür entschieden, nur Geldwert und gegen Geldwert geleistete Arbeit zu berücksichtigen, also alle unbezahlte Arbeit, die ja der Boden ist, auf dem alles andere stattfinden kann, unberücksichtigt zu lassen. Dank dieser Entscheidung werden alle Bereiche der bezahlten Arbeit in allen Gesellschaftsanalysen vorrangig behandelt.
Beispiel Sicherheit: Wo wird zuerst Schnee geräumt? Auf den Straßen, auf denen der Berufsverkehr rollt. Viele Unfälle passieren aber auf Gehwegen, wo meist Frauen Ihre Kinder und Alten transportieren, versorgen, zur Schule und in den Kindergarten bringen, die Einkäufe für die Familie tätigen. Nun hat Schweden in einem Präzedenzfall eine Rechnung aufgestellt. Sie haben eine Neubewertung vorgenommen und Care-Arbeit als Arbeit berücksichtigt, demnach eine beschleunigte Gehwegräumung veranlasst und damit so viele Kosten für das Gesundheitssystem eingespart, dass die Mehrkosten durch diese Räumung bei weitem aufgewogen wurden.
Wenn in den Nachrichten von Unfällen gesprochen wird, dann doch immer nur von Verkehrsunfällen auf der Straße. Witterungsbedingte Unfälle auf Gehwegen werden bei uns in Zahlen nicht erfasst. Zahlen zu Unfällen von Fussgängern gibt es nur in Verbindung mit Kraftfahrzeugen.
Beispiel Stadtplanung Brasilien im Zuge der Fußballweltmeisterschaft: es gab Zwangsumsiedlungen von Familien aus den Favelas in staatliche Neubaugebiete weit entfernt vom Stadtzentrum, ohne Gemeinschaftsräume, ohne Anbindung. Frauen können ihre Kinder nicht mehr in die Kinderbetreuung oder zur Großmutter bringen, können keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen, sind zunehmend isoliert und verarmt.Beispiel Sicherheit: es ist bekannt, dass das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel während der Stoßzeiten zu erhöhten Zahlen von sexueller Belästigung an Frauen führt. Das wird einfach hingenommen. Oder dunkle Orte in öffentlichen Räumen, an denen sexuelle Übergriffe bis hin zum Mord passieren. Es wird dann die Frage gestellt: Warum müssen die Frauen auch dort unterwegs sein? Die falsche Frage. Warum ist es eine Gefahr für Frauen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten zu sein?
Öffentliche Toiletten, auch so ein Thema. Immer mehr Gelder werden gestrichen, immer mehr öffentliche Toiletten fallen Sparmaßnahmen zum Opfer. Frauen, die sich irgendwo im Freien versteckt erleichtern müssen, sind häufiger Opfer von Übergriffen. Aber es gibt keine Daten dazu, die den Zusammenhang offenlegen und die Folgekosten analysieren würden, die weit höher liegen, als z.B. die Instandhaltung öffentlicher Toiletten.
Wie viele Frauen sind an Kriegs- oder Friedensverhandlungen beteiligt? Und doch sind sie in allem überproportional betroffen.
Auch von Naturkatastrophen, bedingt durch den Klimawandel, sind Frauen stärker betroffen, weil sie z.B. auf einen männlichen Verwandten warten müssen, der sie in Sicherheit bringt (z.B. in muslimischen Ländern wie Bangladesch bei Hochwasser).
Nicht selten kommt es in Schutzräumen zu Übergriffen und Vergewaltigungen, warum Frauen diese erst gar nicht aufsuchen.
„Manche Frauen in deutschen Aufnahmelagern essen und trinken möglichst nicht – ein Verhalten, das auch bei geflüchteten Frauen in Griechenlands damals größtem inoffiziellen Flüchtlingslager Idomeni beobachtet wurde.
Laut einem Bericht des Guardian von 2018 tragen einige Frauen notgedrungen Erwachsenenwindeln.“ (400)
„Wird die potentiell von männlichen Mitarbeitern ausgehende Gewalt beim Aufbau von Versorgungssystemen von Flüchtlingsfrauen ignoriert, entbehrt dies nicht einer gewissen Ironie – denn männliche Gewalt ist häufig der Grund dafür, dass die Frauen überhaupt zu Flüchtlingen wurden.“
Die Autorin über ihr Buch:
Youtube: https://www.youtube..com/watch?v=C6vAoD3HA9I
„Frauen werden belästigt und sterben, weil die Daten von Männern voreingenommen sind.“
Genderdiskriminierung: Sexualisierte Übergriffe, Beleidigungen und Gewalt setzen voraus, dass es einen weiblichen Körper gibt, der mit spezifischen Assoziationen belegt werden kann. Übergriffe geschehen nicht aufgrund von Geschlecht, sondern aufgrund der gesellschaftlichen Zuschreibungen zum Geschlecht also Gender.
„Damit das Konzept Gender funktioniert, muss offensichtlich sein, welchen Körpern welcher Umgang zukommt.“
(413)
Interessanterweise sind die Gender und Diversitätsgegner ganz stark im Gendern, also Beleidigen eines Geschlechts aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit.
„Fehlende Informationen über Frauen und ihre Leben bedeuten, dass wir Geschlechter- und Genderdiskriminierung weiter naturalisieren – und diese Diskriminierung gleichzeitig nicht wahrnehmen. Wir sehen sie nicht, weil wir sie naturalisieren. Sie ist zu offensichtlich, zu verbreitet, zu normal um überhaupt kommentiert zu werden.“
(414)
Tatsächlich war ich neugierig und habe mal die google KI befragt:
Inwieweit verstärkt KI die Vorauswahl männlicher Stereotype?
Die Antwort: KI verstärkt männliche Stereotype in der Vorauswahl erheblich, indem sie historische Diskriminierungen aus Trainingsdaten lernt, reproduziert und oft sogar intensiviert. Da KI_Systeme darauf trainiert werden, Muster erfolgreicher Mitarbeiter aus der Vergangenheit zu erkennen – die oft Männer in Führungspositionen waren -, favorisieren sie indirekt oder direkt männliche Profile.
Fazit: KI führt nicht zu mehr Objektivität, sondern perpetuiert und verstärkt bestehende Ungleichheit.
Dieser Text diente als Grundlage zum Vortrag am 06.03.2026, anlässlich des bevorstehenden Weltfrauentags, im Rahmen von Literatur im FEnster e.V. in der Stadtbücherei Isny.
Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen -Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert
Deutsche Erstausgabe März 2020
Verlagsgruppe Randomhouse, München
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