Dostojewski: Die Brüder Karamasow

Fjodor Michailowitsch Dostojewski, 1821- 1881, Moskau, zählt zu den größten Schriftstellern des 19. Jahrhunderts. Er entstammte einer wohlhabenden gutbürgerlichen Familie, war mit 18 Jahren bereits Waise und begann mit 23 Jahren zu schreiben, doch erst die letzten zehn Jahre seines Lebens genoß er stabile Verhältnisse und Anerkennung.
Einer seiner großen Romane, „Die Brüder Karamasow“, wurde von Sigmund Freud beschrieben als >>großartigsten Roman, der je geschrieben wurde<<. 1200 klein geschriebene Seiten, über drei Brüder, eine Gesellschaft um 1870 in Russland, die äußeren und die inneren Bewegungen und Erschütterungen. Den äußeren Rahmen bilden Familienzwist unter Halbbrüdern, Erbstreitigkeiten, ein Gerichtsdrama und ein Justizirrtum. Dabei führen „Die Brüder Karamasow“ auf eine sehr besondere Art in die Irren und Wirren der menschlichen Psyche ein.


Da sind einmal die überspannten Frauen, die hier anscheinend nichts anderes zu tun haben, als sich mit ihren selbst gesetzten Lebenszielen zu überwerfen und wieder zu versöhnen und alle inneren Kämpfe nach außen zu tragen, in den zwischenmenschlichen Beziehungen auszutragen. Das tun alle Figuren Dostojewskis in diesem Roman ganz schamlos. Sie tragen ihre Widersprüche ganz offen in der Welt aus. Sie sind „übermannt“ von ihren Gefühlen. Einiges, was sonst eher im Verborgenen geschieht, wird hier offenbar. Manche Affekte erscheinen übertrieben, aber die gehobene Gesellschaft vor 150 Jahren, in der es zu den täglichen Gepflogenheiten gehörte, sich gegenseitig zu besuchen, sich Gesellschaft zu leisten und sich über alle damit verbundenen möglichen und unmöglichen Gefühlskonstellationen Gedanken zu machen, diese Gesellschaft hat ihre Helden und Ungeheuer hervorgebracht.
Die Dialoge sind hochemotional, aber auch analytisch von großer Brillianz. Es gibt im ersten Teil eine Begegnung aller am Konflikt Beteiligten bei dem Starez, einem heiligen Mann des Klosters. Dort werden die unterschiedlichen Lebenspositionen offenbart. Auch die Ränke um die Liebe. Die Leidenschaft für eine Frau, der Vater und Sohn verfallen sind, ist ein zentrales Moment, um das herum alle Fragen der Lebenshaltung gestellt werden können. Einer der Brüder, Aljoscha – oder Alexej, in die verschiedenen Namensformen muss man sich einlesen – ist während eines Teils des Romans selbst ein Klosterbruder und genießt als solcher und aufgrund seines aufrichtigen Charakters das größte Vertrauen seiner Brüder Dimitri und Iwan. Beide vertrauen sich ihm rückhaltlos an. Iwans Geständnisse zeigen einen nihilistischen oder sogar psychopathischen Charakter:


„Ich habe nie begreifen können, wie es möglich ist, seinen Nächsten zu lieben.“ (S.353)
„In jedem Menschen steckt natürlich eine Bestie.“ (…) „Verstehst du, wozu diese Sinnlosigkeit notwendig ist, wozu sie da ist? Man sagt, ohne sie könnte der Mensch gar nicht auf Erden leben; er würde das Gute und das Böse nicht erkennen. Aber wozu sollen wir dieses verdammte Gute und Böse erkennen, wenn uns das so teuer zu stehen kommt?“

S.361

Ein moralisch integrer Charakter, ein Nihilist und ein von seinen Leidenschaften Gepeinigter – das wäre die einfache Formel. Aber einfach ist es selbstredend nicht. Es sind die innersten Kämpfe, die jeder einzelne der Brüder für sich austrägt, die in Bann ziehen.
Dostojewski legt dem Starez viele weise Worte in den Mund, ein vom weltlichen abgekehrter Geist, der aus der Distanz zu einer kritischen Betrachtung in der Lage ist, die ohne Betroffenheit über die Zeit hinaus denken kann. Aber auch andere Figuren disputieren mit Aljoscha über das Leben. Ein geheimnisvoller Besucher kommt jeden Abend zu ihm und spricht von einem Jahrhundert der Isolierung.


„Denn jeder strebt danach, seine Persönlichkeit so stark wie möglich abzusondern; er möchte an sich selbst die Fülle des Lebens erfahren. Dabei ist das Resultat aller seiner Anstrengungen statt der Fülle des Lebens nur völliger Selbstmord, denn statt sein Wesen allseitig zu entfalten, verfällt man in totale Isolierung. (…) Doch es wird unzweifelhaft dahin kommen, dass auch diese furchtbare Isolierung ihr Ende findet und alle mit einem Mal begreifen, wie unnatürlich sie sich voneinander abgesondert haben.“

S.452/53

Ein Bedauern, ein tiefes Bedauern schwingt mit über eine Unmöglichkeit, trotz aller Anstrengung. Es sind die vielen Selbstbezichtigungen, die wie ein Seismograph der inneren Konflikte in die unterschiedlichsten Richtungen ausschlagen und eine einsame Zerrissenheit der Figuren zeichnen.


„Der Mensch freut sich eben über den Fall und die Schmach des Gerechten.“

S.466

Das könnte der Untertitel des Buches sein.
Es ist schwer, einen Dostojewski in eine Rezension zu packen. Ein aufwühlender Roman, einer, der wie selten ein Buch, in die Seele greift.

Dostojewski: Die Brüder Karamasow
Aus dem Russischen von Hermann Röhl
Anaconda Verlag, Köln 2010

2 Kommentare zu „Dostojewski: Die Brüder Karamasow

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  1. Lieber Bernd,
    ja, aber da siehst mal, da haben sie schon 1870 darüber sinniert. Indivisualisierung und Isolierung haben eine lange Geschichte in Zusammenhang mit der Industrialisierung. Es hätte natürlich Unmengen anderer Zitate geben können, aber gerade das schien mir jetzt auch passend.
    Liebe Grüße
    Dagmar

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