Sharon Dodua Otoo: die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle …

Es war ein bezauberndes Erlebnis, die Bachmannpreisträgerin 2016 im uralten, halboffenen Dachstuhl der Appretur in Isny live zu hören und im Gespräch nach der Lesung eine Menge Persönliches von ihr zu erfahren, das auch auf abstrakter Ebene reichlich Stoff zur Reflektion bietet.
Zu ihrer Erzählung erklärte Otoo, dass es ihr darauf ankam, die Figur einer schwarzen Frau zu gestalten, mit der man sich identifizieren könne, weil das, was geschildert wird, jedem Menschen bekannt ist. Ohne das Schild „Migrationshintergrund“ vor die Figur zu stellen, gewinnt eine Protagonistin Gestalt, die der Leser zuerst einmal als Europäerin wahrnimmt. Die besonderen Emotionen, die durch Reaktionen auf die Hautfarbe entstehen, das sind nach Otoo die Momente, auf die es ihr ankam.

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Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends

Eine der Geschichten von Christa Wolf, die unvergessen und zeitlos bleiben, weil sie, sowohl historisch als auch politisch, auf mehreren Ebenen spielen.

Karoline von Günderode und Heinrich von Kleist sind sich in Wirklichkeit nie begegnet. Christa Wolf inszeniert einen Nachmittagstee einer illustren, avantgardistischen Gesellschaft um 1804, bei der sich die beiden Schriftsteller taxieren, gegenseitig vermessen, die gemeinsame Leidenschaft des Schreibens beschwören und ihre Unterschiedlichkeit im Leiden daran analysieren. Zwei Selbstmörder in einem Raum, die über gesellschaftliche Zwänge disputieren und über die Unmöglichkeit, im Schreiben einfach nur „genial“ zu sein.

Es sind Christa Wolfs Themen, die sie der Günderode in den Mund legt. Und wir erfahren einiges dabei über die Situation der Frau als Schriftstellerin um 1800 und erfahren indirekt etwas über den Zwang des „normierten“ Schreibens unter dem Regime der DDR. Wie sehr Christa Wolf als kreative Autorin darunter zu leiden hatte, erzählt sie in „Was bleibt“.

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Margaret Atwood: Der Report der Magd

Wieder mal hat mich ein Klassiker gepackt, dieser hier aus der feministischen Literaturecke der Achtziger, verfilmt von Schlöndorff unter dem Titel „Die Geschichte der Dienerin“, aktuell noch mal neu als Serie aufgerollt unter dem Originaltitel „The Handmaid’s Tale“ (Artikel in der ZEIT vom 11.5.2017).

Die Geschichte erzählt von einer amerikanischen Stadt oder einem Teilstaat in der Mitte des 21. Jahrhunderts, in dem durch verschiedene Katastrophen, politische, umwelttechnische, kriegerische Ausblutungen der Erde und des Menschen dazu geführt haben, dass der höchste Wert die Fruchtbarkeit der Frau ist, denn die meisten Männer und Frauen sind steril geworden. Die Schizophrenie von Anbetung und Macht führt aber auch hier zu einem eklatanten Missverhältnis. Anstatt dieses Kostbarste, diese fruchtbaren Frauen in Ehren zu halten, werden sie versklavt und als Mägde unter den Kommandanten zum Austragen derer Leibesfrucht missbraucht. Diese Mägde verlieren ihre eigene Identität und bekommen den Namen des Mannes mit einem besitzanzeigen Fürwort: die Frau von Fred ist Offred. Aber nicht einmal dieser Name gehört ihr. Wenn eines Tages Offred verschwindet, weil ihre Maskerade der gläubigen Unterwürfigkeit einen Riss bekommen hat, steht an ihrer Stelle am nächsten Tag eine neue Offred. Ausgebildet werden sie dafür von den sogenannten Tanten, auch hier nach dem Motto: gib einigen Privilegierten ein wenig Macht über andere. Und dabei ist alles so offensichtlich.

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Ulrike Guérot: Warum Europa eine Republik werden muss! 2.Teil

Teil 2: Die Utopie

Seit vergangenem Sonntag hören wir auf allen politischen Plattformen „Macron fordert ein Umdenken für Europa“. Genau dazu haben PolitikwissenschaftlerInnen wie Ulrike Guérot im Vorfeld eine Menge gearbeitet und bereits Utopien geliefert:

„Wir könnten uns das Gros der Brüsseler Bürokratie sparen, wenn wir uns auf eine schlanke europäisierte Verwaltung einließen, deren Rechts- und Verwaltungsakte auf dem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz für alle europäischen Bürger beruhen würde.“ (S. 145) Bestechendes Argument. Aber was würde dieser Gleichheitsgrundsatz bedeuten, und warum wehren sich die Länder, speziell die Deutschen, dagegen?

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Ulrike Guérot: Warum Europa eine Republik werden muss!

Eine politische Utopie
Teil 1: Analyse

Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin, Gründerin und Direktorin des European Democracy Labs und Professorin und Leiterin des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung in Krems/Österreich leitet ihre Utopie mit einem Rückblick auf 3000 Jahre Geschichte des Europäischen Kontinents ein. Dabei entwickelt sie eine Idee eines Europas als großer Republik mit politischer Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger der Nationalstaaten. Die EU, wie wir sie haben, ist eine Wirtschaftszone, der es am gemeinsamen politischen Konzept mangelt, auch der Maastricht Vertrag von 1992, der eine politische Union begründen wollte, ist auf politischer Ebene gescheitert. Der große Fehler liegt darin, dass die wesentlichen finanziellen Entscheidungen auf unterschiedlichen Ebenen getroffen werden, so wird über Währung und Wirtschaft auf europäischer Ebene verhandelt, während über Steuer- und Sozialpolitik die Länder auf nationaler Ebene zu entscheiden haben. Die europäischen Bürger sind somit nicht gleichgestellt. Es herrscht ein Wettbewerb zwischen den Bürgern der europäischen Nationen, der von extremen Schieflagen gezeichnet ist. Die Verordnungen und Richtlinien, beschlossen in EU- Ausschüssen sind nicht demokratisch gefasst. Weder wählen die BürgerInnen ihre EU- Abgeordneten, noch gibt es eine Opposition im EU Parlament, noch fühlen sich die BürgerInnen als Souverän.

 

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Jonas Lüscher: Kraft

Why whatever is, is right and why we still can improve it?

Jonas Lüscher erzählt die Geschichte eines Professors für Rhetorik, dessen gefühlte Omnipotenz zu bröckeln beginnt, als er sich der Herausforderung einer Preisfrage zur Rechtfertigung der besten aller Welten stellt.

Die Theodizee wird in Lüschers Roman gekreuzt von einer Oikozidee – die freie Hand des Marktes nutzt allen, auch den Ärmsten – und einer Technozidee – die technischen Entwicklungen sind in allen Fällen ein Voranbringen der Menschheit – leider überall mit dem Problem, das wir schon bei Gott hatten: wie kann man die begleitenden Übel rechtfertigen und trotzdem behaupten … Nun denn, in der Technozidee sieht Kraft nicht als größtes Problem, dass der Mensch sich selbst zum Gott macht – sofern er es auf sich bezieht. Es kommen ihm aber auf seiner Reise nach San Francisco und in der Begegnung mit dem amerikanischen Internet Mogul, der das Preisgeld auslobt, erhebliche Zweifel an seinem bisherigen Weltbild.

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