Prosaminiatur: Lyskamm

Wir wollen auf 4350 Meter hinauf. Es fällt mir nicht schwer, ich bin fit, gehe ein gemäßigtes Tempo. Und heute weiß ich: es ist nicht das Gipfelerlebnis. Es ist das Gehen, das die Faszination ausmacht. Und hier oben, in dieser merklich dünner werdenden Luft, habe ich das Gefühl, nein, das Wissen, dass alles ganz einfach ist. Die Gedanken sind glasklar. Es stimmt nicht, dass man beim Bergsteigen seinen Alltag vergisst, nein, der Blick darauf ist ein anderer. Alles ist reduziert und vereinfacht. Es gibt nur einfache Entscheidungen, nichts was ablenkt. Mir erscheint mein eigenes Denken so einleuchtend wie das Glitzern der Schneekristalle um mich herum. Plötzlich weiß ich, wie ich die Struktur meines Doppellebens aufbauen muss, wie ich in der Lebenswelt meine verschiedenen Aufgaben unter einen Hut bringe, wie ich reagieren werde. Es wird alles so klar und leicht und ich freue mich auf alles, was in nächster Zeit auf mich zukommt, und ich freue mich einfach am Gehen, Schritt für Schritt hinauf.

Creative Commons, Urheber: Francofranco56

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William H. Gass: Mittellage

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Als Bildungsroman wird diese 600 Seiten starke Geschichte angekündigt vom Altmeister der amerikanischen Postmoderne, so im Klappentext. Klingt interessant. Noch viel interessanter ist, dass Gass diese Ankündigungen verfremdet und einen Anti-Bildungsroman schreibt, wie er seinesgleichen sucht. Die Entwicklungsgeschichte setzt ein mit einem Vater, der sich als Jude ausgibt um vor dem Nationalsozialismus in Wien mit seiner Frau fliehen zu können, noch bevor andere wahrhaben wollen, was da geschieht. Auf einer Lüge aufgebaut beginnt die Reise der wachsenden Familie, in deren Verlauf der Vater sehr bald verschwindet, während sich Mutter und Kinder in Amerika eine Existenz erkämpfen. Und diese Existenz ist von der Anfangslüge ausgehend ein Konstrukt aus maßlosen Anmaßungen eines Mannes, der es von seinem Collegebesuch ausgehend bis zum Musikprofessor bringt, ohne je einen höheren Abschluss errungen zu haben. Er erschuf sich selbst – nicht ohne Zweifel und nicht ohne Not – und diskreditiert damit das ganze Bildungssystem, denn er ist beliebt, sehr beliebt bei seinen Studenten. Er nutzt die Dummheit der anderen und die Unfähigkeit, die eigene Unwissenheit eingestehen zu wollen, um sich in Bereichen zu profilieren, die den anderen unbekannt sind.

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Dagmar Leupold: Die Helligkeit der Nacht/ Die Witwen

Die Helligkeit der Nacht. Ein Journal.
Verlag CH.Beck, München 2009

Heinrich von Kleist, ein Rebell in der Dichtung und Ulrike Meinhof, RAF-Terroristin, in einem fiktiven Briefmonolog zusammenzubringen ist schon ein Kunstgriff und bedarf der Stilsicherheit. Im Jahr 2008, als durch Stefan Austs neu überarbeitet Geschichte der RAF  und dem gleichnamigen Film dazu die Büchertische voll waren mit diesem Thema, begibt sich der vor 200 Jahren verstorbene Heinrich von Kleist auf Spurensuche.

Kleist schickt hier sein Gedachtes in Form von fantasierten Briefen an Ulrike Meinhof. In dichterischer Gestalt wird hier mit vielen intertextuellen Bezügen eine Seelenverwandtschaft im Rebellentum gefeiert, allerdings aus Kleists Perspektive mit klarer Absage an den Umschlag in Gewalt. Allein das Wort bedeutet ihm alles und so analysiert er auch Ulrike Meinhofs Sprachentwicklung, von ihrer einstigen journalistischen Sprachgewandtheit hin zur fanatischen Engführung. Damit wird ein Kaleidoskop an Erinnerungsbildern eröffnet, mit neuen Interpretationsmöglichkeiten. Ein hohes Maß an Intertextualität erfreut das Leserherz. Sämtliche Stücke von Kleist wie auch Bezüge zu bekannten Aufsätzen Ulrike Meinhofs und zu ihrer Biographie veleiten zur Literaturrecherche (Über dieses Buch bin ich übrigens wieder auf den Michael Kohlhaas gekommen). Etwas Kopfzerbrechen bereitet ein  Dichter und Verleger der jüngsten Vergangenheit, der sich im Reigen der Selbstmörder als thematischer Brückenbauer zwischen den „Generationen“ erweist. Da allein diese Figur nicht recherchierbar war, konnte ich erst im persönlichen Gespräch mit der Autorin erfahren, dass hier die Suche nach einer personalen Entsprechung vergeblich war, während in seiner Geliebten die ebenfalls suzidale Sylvia Plath verkörpert wird. Ein Roman, dem ich das Prädikat „Wertvoll“ verleihen würde, von höchster Sprachvirtuosität.

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