Zur ARD Themenwoche „Glück“

Kann man über „Glück“ philosophisch spekulieren, ohne politisch zu denken? Wohl kaum. Nicht nur im Sinne der Rückbindung an das gesellschaftliche Dasein, auch in allen Fragen möglicher Alternativen, denn das größte Unglück besteht in der politisch formulierten Alternativlosigkeit. Eine Alternative, um Glücksempfinden und Wohlstand anders zu bemessen, als über das Bruttosozialprodukt:

http://de.wikipedia.org/wiki/Human_Development_Index

Viktor Pelewin: Tolstois Albtraum

Ein phantastischer Roman über das Wechselspiel Dichtung – Leben – Gedankenkonstruktion.

In gewisser Anlehnung an Filme wie „Matrix“ oder „Die Truman Show“ ist der Kern der Frag: Woher kann jemand sicher wissen, dass er tatsächlich existiert? Ist er selbst vielleicht nur eine Erfindung von jemand anderem? Und wenn ja, von wem und wie kann, wenn alle Erfindungen von jemandem sind, so etwas wie ein Rest Freiheit erlangt werden?

Die Geschichte dreht sich um eine Figur, den Grafen T., der vermutlich, weil Tolstoi ein Schriftsteller war und sich als solcher anmaßte, Figuren zu erfinden, zur Strafe dieser Hybris nun als Verkörperung von Tolstoi selbst als Romanfigur auftaucht.

Was die Geschichte interessant macht: Die Figur will leben, ringt um Selbstermächtigung und führt dazu verschiedene Experimente aus. An einer fortgeschrittenen Stelle gelingt es dem Helden gar, seinen Erzähler zu vernichten. Wobei allerdings klar wird, dass auch dieser Erzähler nur eine erzählte Figur ist.

Die Romanfigur Graf T. wird vom Verlag, der die Erzählung in Auftrag gibt, nach Optina Puschtyn geschickt. Die Idee: Der exkommunizierte Tolstoi sollte nun als Graf T. in den Schoß der Kirche zurückkehren, weil sich so für den Verlag mit Namen Jasnaja Poljana ein neues Geschäft mit dem alten Tolstoi machen lässt. Die Romanfigur soll allmählich die historische Geschichte überlagern.

Doch dann kommt es zu einem Konzeptwechsel: Die Finanziers des Romans beschließen, lieber ein Computerspiel daraus zu machen, gestalten turbulente Känpfe auf mehreren Spielebenen, und kehren dann doch wieder zum Romangedanken zurück. Hier klingt durchaus politisch-wirtschaftliche Kritik durch, vor allem wenn Marktforscher behaupten, den Leser in die Erzählung einzubinden, sei für die Masse (und damit für die Wirtschaftlichkeit) uninteressant.

Genau dies tut aber Pelewin mit seinem Roman und auch für den Leser stellt sich wieder einmal die Frage: To be or not to be, that ist the question.

Die Romanfigur wird zum Leser in ihrer Welt, der Erzähler im Roman ist Gestalter und er wird gelesen. Wenn auch der Erzähler erfunden ist, wer ist dann der wirkliche Autor?

Jeder Leser ist der Schöpfer seiner Welt, auch wenn es ihm unbehaglich sein mag. “Wenn ich der Schöpfer des Albtraums bin, warum habe ich solche Angst dabei?“ S.397

Am Ende hat Tolstoi geträumt, er schreibe einen Roman.

Oder ist da noch mehr?

Die Ironie liegt im changierenden Wechsel zwischen Beweisen und Widerlegungen der Welt als existierender Welt. Eine vergnügliche Leseherausforderung.

http://www.randomhouse.de/Buch/Tolstois-Albtraum-Roman/Viktor-Pelewin/e364597.rhd

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