Twilight Saga „Breaking Dawn“

Aktuell zur Premiere des Kinofilms „Breaking Dawn“ kann man sich wieder mal überlegen, ob die Twilight-Saga ein gutes Weihnachtsgeschenk für pubertierende Mädchen ist. Dazu rückblickend einige Gedanken zum Aufbau der Bücher:

Stephenie Meyer: Twilight – Saga

Mythos als Verführung

2007 nominiert für den deutschen Jugendliteraturpreis

Es muss eine große Sehnsucht sein, die sich hinter dem Mythos der unsterblichen Liebe verbirgt, wenn junge Mädchen heute ein 1500 Seiten langes Märchen lesen, obwohl wir in einer Welt leben, die sich so schnell dreht, dass wir oft nach dem Kauf eines Buches schon nicht mehr wissen, warum wir es lesen sollen. Wie schaffen es diese Paranormal Romances zu so ausführlicher Lektüre zu verführen?

Stephenie Meyer, Mitglied der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, einer Sondergruppe der Mormonen, schreibt auf ihrer homepage über die Bedeutung ihrer Religionszugehörigkeit für ihr Schreiben. Heimgesucht von einer Vision eines liebenden Mädchen und eines Vampirs auf einer Lichtung verfällt sie in exaltierte Übersteigerung der religiös begründeten sexuellen Enthaltsamkeit. Sie gestaltet als Chiffre eine monströse Verbindung von Sexualität und Tod. Nur das ewige Leben in ewiger Liebe vermag der Sexualität zur Legitimation ihrer Existenz zu verhelfen. Weniger tut’s nicht.

Die Mitglieder ihrer christlichen Gemeinschaft verstehen sich als Urchristen, die nach der ursprünglichen Lehre Jesu Christi die Kirche von ihren Irrtümern befreit. Als neureligiöse Bewegung beanspruchen sie allein für sich die geistliche Vollmacht zur Ausübung eines wahren Glaubens. Als kleine, außerhalb der Konvention stehende Gemeinschaft sind nur sie allein im Besitz eines fortschrittlichen Wissens, jenseits der weltlichen Verführungen.

Ebenso Meyers Vampire. Auf unkonventionelle Art und Weise übernehmen die in der literarischen Tradition als Verkörperung des Bösen dargestellten Vampire hier bei Stephenie Meyer die Rolle der neuen moralischen Elite. Die „normalen“ Menschen sind nicht dazu befugt, ein Urteil darüber abzugeben, was unter extremsten Bedingungen ein moralisch verantwortliches Leben bedeuten könnte. Nur die Ausgeschlossenen, die in einer übermenschlichen Anstrengung, wider ihre Natur, eine Form der Selbstgesetzgebung erfinden müssen, wissen wirklich, worum es geht.  Noch dazu, weil ihre Einstellung zeitlich unabhängig ist und bleibt. Ein solches Bewusstsein findet seine vollkommenste Form in der Manifestation von ewiger Liebe.

Hier wird zunächst eine Identifikationsmöglichkeit für jugendliche Leser angeboten: Die Protagonistin Bella (Isabella Swan), durch deren Augen die Geschichte geschildert wird, ist überdurchschnittlich belesen. Mehrfach erwähnt wird Brontë’s „Sturmhöhe“, die auch eine wahnsinnige, über den Tod hinausgehende Liebesgeschichte beschreibt. Bella ist eine Außenseiterin auf mehreren Ebenen: schulisch ihren Klassenkameraden voraus, nicht auf Sozialkontakte angewiesen, fremd in der Stadt. In der Cafeteria des Schulgeländes fällt ihr nur einer auf, der noch fremder ist als sie selbst: Edward Cullen, einer von fünf adoptierten Halbgeschwistern einer Familie, die allesamt „Erscheinungen“ sind, wie aus einem Film. Die Faszination für jugendliche Leser liegt einmal in der Situation des Sich-fremd-Fühlens und der Suche nach dem Einen, der versteht. Zum anderen im Aufbegehren gegen gesellschaftlich Überkommenes. Die Herausforderung besteht in der Selbstdefinition dessen, was gut und richtig sein soll und dabei werden durchaus von der Gesellschaft „verteufelte“ Faktoren als mögliche Angebote untersucht. Ein Ekel gegenüber der Welt der Erwachsenen, gegenüber den Zumutungen des Lebens, gehört ebenso  zu jeder Entwicklung, wie die Entrüstung darüber, in Umstände geworfen zu sein, die als unzumutbar empfunden werden.

Leider versteht Meyer nicht, mit diesen Elementen literarisch zu spielen. Formelhaft werden Empfindungen abgehandelt, werden Rollenverteilungen reproduziert: die Ich-Erzählerin bewundert ein männliches Idol, das exemplarisch dafür steht, mithilfe seiner unglaublichen Willenskraft das ihm Auferlegte umzukrempeln:  sowohl seinem wesenseigenen Bluthunger, als auch sexuellen Anfechtungen zu widerstehen ist Reife. Kontrolle wird zum moralischen Verantwortungskodex. Sie selbst reproduziert ein Frauenbild weiblicher Lustanfälligkeit und Dominanz des Körperlichen, des Vergänglichen. Um mit ihm auf gleiche Augenhöhe zu kommen, das spürt Bella schnell, muss sie werden wie er, muss zur Vampirin werden und durch denselben Kampf mit sich selbst seine Liebe verdienen. In den Momenten der aufwühlendsten Empfindungen (und damit operiert der Roman ja dauernd) ist Bella kopflos, haltlos, orientierungslos. Sprachlich gefällt sich die Geschichte in der Vereinfachung. Das Gefühlschaos der jugendlichen Bella wiederholt sich in gleich bleibenden Schleifen ebenso wie die Beschreibungen derselben Örtlichkeiten oder der immer wieder beschworenen schönen Blässe des „Helden“.

Stephenie Meyer also ist als revolutionäre Urchristin befugt, der Mädchen- Welt eine Vorstellung von gereinigter Sexualität, von Liebe als Sakrament zu bringen und setzt damit der zunehmenden Überforderung durch ständig wechselnde Beziehungen und Sexualpartner die stärkste Antithese entgegen: den Mythos der ewigen Liebe.  Eine verführerische Kraft geht davon aus. Doch der Mythos des Ewigen war immer schon Verführung und Versuchung, bedeutet Fixierung und Erstarrung und eben nicht die versprochene Befreiung vom Überkommenen.

Stephenie Meyer hat nach Ende der Twilight- Trilogie bereits die Fortsetzung der Geschichte aus anderen Perspektiven versprochen. Womöglich braucht die Jugendwelt noch ein paar tausend Seiten Beschreibungen vom moralisch fragwürdigen Ringen um Integrität unerreichbarer Idole. Am Ende lieben die Leser aber doch die nicht-heldenhafte Protagonistin, durch deren Augen sie dem Verlauf der Geschichte folgen. Wenn nun diese junge Frau ihre Potentiale entwickeln würde, wenn sich der Vampir bemühen müsste, auf ihre Augenhöhe zu kommen, dann könnten diese Paranormal Romances vielleicht als neue (wenn auch fragwürdige)  Bildungs- und Coming-of-Age-Romane bezeichnet werden.

Otfried Höffe: Politische Gerechtigkeit

Im Unterschied zum diskursethischen Ansatz versucht Höffe in seinem 1987 erschienen Buch „Politische Gerechtigkeit“ eine ethische Begründung in die Diskussion um die Legitimität von Staat und Herrschaft zu bringen. Dabei ist die Argumentationsweise teleologisch ausgerichtet: neben der Frage um Kooperation oder Konflikt für die Konstitution einer Gesellschaftstheorie, stellt er die Frage des Vorrangs von Glück oder Freiheit als Ziel. Braucht eine Staatstheorie eine solche Ausrichtung? Wenn „Glück“ nicht als rein abstrakter Begriff (Inhalte diskursiv verhandelbar) stehen bleibt, sondern definiert werden soll, entstehen autoritäre Tendenzen, was ein gutes oder glückliches Leben zu sein habe. Der Glücksbringer ist der gefährlichste Weltverbesserer. Deshalb versucht Höffe, Glück und Freiheit in gegenseitiger Abhängigkeit zu platzieren. Daraus entsteht zunächst ein abwägender Widerspruch: für das gute oder glückliche Leben braucht es zunächst Strukturen, die scheinbar der Freiheit entgegenstehen.

Wenn nun über „Gerechtigkeit“ als legitimierende Strukturbedingung für eine Staatstheorie verhandelt wird, entstehen daraus „Rechte“, die nur in einem Ordnungssystem mit Zwangscharakter durchgesetzt werden können. Dieses Ordnungssystem selbst befindet sich nun in der Zwangslage, nachweisen zu müssen, dass der Zwang mehr in Richtung Gerechtigkeit ausschlägt, als die Freiheit. Dies kann nur gelingen, wenn in der Bilanzierung der Freiheiten durch den Zwang auch mehr Freiheiten entstehen, als ohne vorhanden wären. Denn Herrschaftsfreiheit ist eine Utopie. Auch im Naturzustand herrscht kein rechtsfreier Zustand, denn Menschen würden dann innerhalb der Grenzen des Naturgesetzes leben und auch aus diesem ergeben sich Strukturen und Herrschaftsformen.

So versucht Höffe, die Ethik als grundlegend in der Politik verankert zu erklären und zu begründen. Gerechtigkeit als soziale Verbindlichkeit ist geschuldet und legitimiert allein die  staatliche Ordnung, die dann immer die Form einer Sozialordnung annimmt.

Woher kann man die Sicherheit nehmen, dass mit teleologischen Rahmenvorstellungen und Strukturbedingungen nicht selbstredend eine sich aus der kulturellen Identität speisende inhaltliche Form der Ausrichtung vorgegeben ist? Muss sich nicht diese Sozialordnung veränderten Strukturbedingungen stellen, wenn über Gerechtigkeit und ein gutes Leben verhandelt werden soll, vor dem Hintergrund, dass jeder vierte hier lebende 25-Jährige ein Mensch mit internationalen Wurzeln ist und vermutlich anderen Vorstellungen zu diesen Begrifflichkeiten?

Artikel: Weltbürger im Allgäu

http://www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/gastbeitrag-weltbuerger-im-allgaeu-11945534.html

Gegenwartsliteratur DDR: Christa Wolf

„Worin besteht denn die Funktion unserer Literatur, als Ganzes betrachtet? Sie müsste klarmachen, wie bei uns endlich das gesellschaftlich Notwendige sich in Übereinstimmung befindet mit der tiefen Sehnsucht der Menschen nach Vervollkommnung, nach allseitiger Ausbildung ihrer Persönlichkeit; welch ein starker, unerschöpflicher Kraftstrom der sozialistischen Welt durch die Möglichkeit zufließt, diese tiefe Sehnsucht der Menschen zu befriedigen.“ (Christa Wolf, Popularität und Volkstümlichkeit, 1956)

Christa Wolf sah sich im Dienst an der Wahrheit und am Sozialismus auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft. Vielleicht brauchte sie aus diesem Grund die Prosadichtung, um sich vom ideologischen, widerspruchslosen Schreiben zu befreien.

Die Intellektuellen befolgten die Parole „In die Betriebe“ und Christa Wolf war 1960 im Waggonbau Ammendorf in der Werkbrigade tätig. Hier entstand die Idee zu „Der geteilte Himmel“. In ihrer Erzählung ist den Arbeitern nichts wichtiger als Planerfüllung und Produktivitätssteigerung. Die Trennung eines Liebepaares durch die 1961 gebaute Mauer gibt der Erzählung schließlich ihre historische Dimension. Aber es wird so dargestellt, als wäre eine freie Entscheidung über Gehen oder Bleiben möglich, das Thema Republikflucht existiert nicht. In einer Rede bekannte sie sich zur Mauer als „antifaschistisch- demokratischem Schutzwall.“ Trotz allem: linientreue Kritiker waren entsetzt, es wurden ihr Individualismus, kleinbürgerliche Abweichungen und mangelndes Klassenbewusstsein vorgeworfen. In der BRD wurde das Buch von der neuen Stimme von drüben wohlwollend aufgenommen. Hier wurde für Christa Wolf bereits deutlich, dass ihr künstlerischer Anspruch nicht mit der geforderten politischen Repräsentanz in Einklang zu bringen war.

Wahrheit als das Wesen das Sozialismus war ihre Doktrin, doch schon früh bekam sie zu spüren, dass Wahrheitsanspruch und Parteidisziplin schwer vereinbar sind. Sie trat ein für Dialog und Meinungsaustausch: „Wenn ich nicht in der DDR gelebt hätte, sondern in Westdeutschland, dann weiß ich nicht, ob ich heute Sozialist wäre.“ Ulbricht: „Ich kann nicht zulassen, dass Skeptizismus propagiert wird, und dann in den Plan hineinschreiben, dass die Arbeitsproduktivität um 6% erhöht wird. Wenn wir die Propaganda des Skeptizismus zulassen, senken wir die Erhöhung der Arbeitsproduktivität um 1%. Skeptizismus, das heißt Senkung des Lebensstandards, ganz real, so wird bei uns gerechnet.“ Christa Wolf gehörte nun zu den kritischen Intellektuellen der DDR.

Trotzdem entbrannte in den 90ern ein heftiger Literaturstreit über Christa Wolfs Haltung und ihr Verbleiben in der DDR, trotz dass sie um die Machenschaften des Partei- Apparats bescheid wusste. In diesem Zuge wurde ihr gesamtes literarisches Schaffen noch einmal massiv in Frage gestellt.

In „Stadt der Engel“ schreibt sie zu dem Gedanken, wenn sie 1945 in den Westen gekommen wäre: „Ich wäre ein anderer Mensch geworden. (…) Ob ich geschrieben hätte, weiß ich schon nicht, denn zum Schreiben haben mich ja immer die Konflikte getrieben, die ich in dieser Gesellschaft hatte.“ (Christa Wolf, Stadt der Engel. S.242/43)

Schreiben in der DDR stand unter ganz anderen Vorzeichen (s.o. „Funktion der Literatur“). Idealismus und Ideologie entwickelten sich in konträre Richtungen. Gibt es für uns heute, lange nach dem Scheitern des DDR-Regimes Gründe, uns mit den Literaten als intellektuellen Repräsentanten auseinanderzusetzen?

Benhabib und Habermas

Eine Philosophin, die sich intensiv mit der Habermas’schen  Diskursethik auseinandergesetzt hat, schreibt in „Kosmopolitismus und Demokratie“ über ihre Vorstellungen, wie Menschenrechte zukünftig als kosmopolitische Normen, die diskursiv verhandelt werden, als Regulativ für veränderte Lebensrealitäten stehen können. Benhabib will sich nicht mit der Meinung ökonomischer Globalisierungsvertreter zufriedengeben, dass kosmopolitische Normen auf eine dünne Spielart der Menschenrechte reduziert werden, sondern sie fragt, wie es gelingen kann, dass Normen und Standards bindend werden. Eine internationale Ordnung der Menschenrechte ist auch Aufgabe der Bevölkerungen der Nationalstaaten. Sie macht am Beispiel „Verbrechen gegen die Menschheit“ deutlich, dass es begründet und zu rechtfertigen ist, dass sich Normen zu regulativen Prinzipien entwickeln. Rechte und Identitäten werden neu bestimmt, neue Signifikate werden ihnen eingeschrieben, neue Bedeutungen kommen hinzu.

„Die Konstitution We the people ist ein Prozess, der in viel höherem Maße im Fluss, strittig und umkämpft ist, als Liberale wie John Rawls oder Theoretiker des Niedergangs von Bürgerschaft uns glauben machen wollen.“ (Banhabib, Kosmopolitismus und Demokratie, S. 65)

In all den Auseinandersetzungen um „Migrationshintergrund“ ist die simple binäre Gegenüberstellung von Inländern und Ausländern hinfällig geworden, weil soziologisch inadäquat.

„Die Anwesenheit anderer, die nicht die Erinnerungen und Sitten der dominanten Kultur teilen, stellt demokratische Gesetzgeber jedoch vor die Aufgabe, neu zu artikulieren, was demokratischer Universalismus besagt.“ (Ebd., S.66)

Die Diskussion, unter welchen Bedingungen eine Teilnahme an welchen Wahlen auch für Ausländer zuzulassen sei, führt tief in unser Verständnis unseres Nationalstaates. Das Bundesverfassungsgericht hat 1990 in einem Streit zugestanden, dass das souveräne Volk durch seine Vertreter die Definition der Staatsbürgerschaft verändern könne. „Der demokratische demos kann die Definition seiner selbst verändern, indem er die Kriterien ändert, die für den Zugang zur Staatsbürgerschaft gelten. (…) Die Trennungslinie zwischen Staatsbürgern und Ausländern neu auszuhandeln, ist Sache der Bürger selbst.“ (Ebd., 62)

An dieser Stelle unterscheidet Benhabib zwischen ethnos und demos, der ethnos ist gekennzeichnet durch gemeinsame Erinnerung, Schicksal und Zugehörigkeit . Man kann dieser Schicksalsgemeinschaft beitreten, man kann die Zugehörigkeit transformieren, eine simple Übereinstimmung von ethnos und demos gibt es nach Benhabib aber nicht.

1993 wurde über den Maastrichter Vertrag die Unionsbürgerschaft eingeführt. „In den folgenden Jahren entwickelte sich im nun vereinigten Deutschland ein intensiver Prozess demokratischer Iteration, in dessen Verlauf der Auftrag des Verfassungsgerichts an den demokratischen Gesetzgeber, die Definition der Staatsangehörigkeit mit der veränderten Zusammensetzung der Bevölkerung in Einklang zu bringen, aufgenommen, reartikuliert und neu bestimmt wurde.“ (Ebd., S.63) Die in unserer Mitte wohnenden, nicht dem ethnos angehörenden ausländischen Mitbürger sind dennoch Mitbewohner. 2000 wurde ein neues Staatsangehörigkeitsrecht verabschiedet, in Deutschland wohnende Bürger aus EU- Mitgliedsstaaten dürfen bei Kommunalwahlen und Europawahlen wählen. Außerdem erkennt Deutschland an – nicht alle Politiker! – , ein Einwanderungsland zu sein.

Kann über kosmopolitische Normen diskursiv verhandeln werden?

Eine Beitrag zum Einfluss von Habermas‘ Diskursethik:

http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2009/juni/kurzgefasst

 

Gegenwartsliteratur

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellte sich auch in der Literatur eine große Krise ein: die Krise des Erzählens, oder: ‚Wie ist Literatur überhaupt noch möglich?‘ Bekannt ist ein Zitat von Theodor W. Adorno:  „…nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch…“ Wie sollten Dichter, die mit der Realität der Barbarei unter den unterschiedlichsten Blickwinkeln konfrontiert waren – die in Deutschland während des Nationalsozialismus veröffentlicht haben, oder nichtöffentlich schrieben für die Schublade, oder im Exil arbeiteten – in dieser neuen Lebensrealität schreibend Ausdruck finden?

Eine Form, die aus den vielen Unsicherheiten resultierte, war die Krise des Ich, wie sie sich in Max Frischs Dichtung darstellt. „Ich bin nicht Stiller“ (Max Frisch: Stiller), die Verweigerung der Identität, die Frage nach der Zusammensetzung von Identität hängt zusammen mit der Frage nach Verantwortlichkeiten. „Ich ziehe Geschichten an, wie Kleider“ (Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein). Der Aufbruch zu neuen Formen der Subjektivität ist der Suche nach Erklärungsmustern geschuldet.

Was ist das gelebte Leben und was davon ist erzählbar?                                                   „Ein großer Teil dessen, was wir erleben, spielt sich in unserer Fiktion ab, das heißt, dass das wenige, was faktisch wird, nennen wir’s die Biographie, die immer etwas Zufälliges bleibt, zwar nicht irrelevant ist, aber höchst fragmentarisch, verständlich nur als Ausläufer einer fiktiven Existenz. Für diese Ausläufer, gewiss, sind wir juristisch haftbar; aber niemand wird glauben, ein juristisches Urteil erfasse die Person. Also was ist die Person? Geben Sie jemand die Chance zu fabulieren, zu erzählen, was er sich vorstellen kann, seine Erfindungen erscheinen vorerst beliebig, ihre Mannigfaltigkeit unabsehbar; je länger wir ihm zuhören, um so erkennbarer wird das Erlebnismuster, das er umschreibt, und zwar unbewusst, denn er selbst kennt es nicht, bevor er fabuliert – „( Gesammelte Werke, Band V,S.332)

Dass Autobiographie ein Stück weit Fiktionalität ist, dass Individualität und Identität nicht dasselbe sind, der Mensch sein eigenes Ich verpassen kann, sind dichterische Themen, die für Frisch Ausdruck einer Generation sind und dennoch immer wieder die Freiheit der Wahl betonen. Frischs Werke sind auf den ersten Blick desillusionierend, auf den zweiten Blick die Suche nach der Selbstwahl, denn das Entscheidende ist im „Stiller“ „…daß einer mit sich selbst identisch wird. Andernfalls ist er nie gewesen!“                                        Frisch zieht sich zurück auf Subjektivität als Ausdrucksmittel, spätere Generationen wählen wieder ganz andere Stilmittel, als Beispiel sei genannt die politische Literatur der späten 60er.

Der Begriff der Gegenwartsliteratur ist gekennzeichnet von einer  „Neuen Unübersichtlichkeit“ (Jürgen Habermas). Unfassbar viele Strömungen haben sich im Laufe einiger Jahrzehnte entwickelt. Irgendwann wird sich die zeitliche Einordnung als Gegenwartsliteratur verschieben auf die Wende 1989. Kann es in diesem Zusammenhang wieder einen Versuch zu einer neuen Funktionsbestimmung von Literatur geben?

http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Frisch

Robert Nozick: Anarchie, Staat, Utopia

In der Beschäftigung mit Robert Nozicks „Anarchie, Staat, Utopia“, einem Minimalstaatsentwurf eines amerikanischen Harvard- Professors von 1974, der sich daran orientiert, lediglich die Sicherheit, vor allem den Schutz des Eigentums als Staatsaufgabe zu betrachten, drängt sich die Vermutung auf, dass vor allem der amerikanische Liberalismus mit weitgehender ökonomischer Freiheit und, bis heute, ausgeklammerter sozialer Absicherung, lange Zeit nach diesen Vorstellungen funktioniert hat. Neueste Entwicklungen deuten darauf hin, dass auch hier eventuell in naher Zukunft doch ein Umdenken, hin zu mehr ausgleichender Gerechtigkeit, erfolgen könnte. Die Philosophische Grundfrage, die sich dahinter versteckt, ist im Grunde die, ob ein Staatsgebilde, wie immer es gestaltet sein mag, nicht auf einer Vorstellung oder idealerweise sogar Einigung auf bestimmte Vorannahmen, zum Beispiel Normen und Werte, die durch das Staatssystem repräsentiert werden sollen, aufbaut, oder ob die Freiheit an sich als einzige Norm Gültigkeit beanspruchen soll.

Die Idee, dass die Märkte alles regeln gleicht einer Vorstellung von Sozialdarwinismus, auf einer mathematisch-rationalen Grundlage basierend, die außer Acht lässt, dass der Mensch eben nicht auf ein reduktionistisches Modell eingeschränkt werden kann, um daraus Entwicklungsvorhersagen zu machen. Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Buch von Tomas Sedlacek, Mitglied des nationalen Wirtschaftsrats in Prag „Die Ökonomie von Gut und Böse“, der dafür plädiert, zu überdenken, „Was ist der Mensch unserer Ansicht nach?“, und dafür anthropologisches, geschichtliches, kulturelles, soziologisches und psychologisches Wissen heranzuziehen, um dann zu einer existenzialistischen Auffassung der Ökonomie und damit auch der Aufgaben eines Staates zu kommen.

Wenn wir natürlich Entwicklungen im deutschen Privatfernsehen beobachten, wie Stefan Raabs Polit-Show „Absolute Mehrheit“, widerspricht dies allen Anstrengungen. Wenn Mehrheiten aus persönlichen Interessen und Einstellungen gebildet werden, kann man Mehrheiten auch kaufen.

Brauchen wir eine jeder Staatsform vorausgehende Verständigung über Vorannahmen? Wie werden diese normiert, oder sind es doch übergeordnete Werte?

 

http://www.zeit.de/2012/05/L-P-Sedlacek

Literarische Moderne

Als epochale Zuordnung ist der Begriff der Moderne kaum zu begreifen, vielmehr handelt es sich hierbei um den Versuch, einen Wandel darzustellen, der sich in der Interpretation mit der Zeit auch immer wieder verändert. Zunächst wurde die literarische Moderne auf  das frühe 19. Jahrhundert gesetzt. Ein Beispiel dafür ist E.T.A. Hoffmanns „Lebensansichten des Katers Murr“. Nach Klassik und Romantik versuchte Hoffmann, die Vorgaben des Bildungsromans mit Entwicklungsprozess und Bildungsideal zu ironisieren, indem er einen gebildeten Kater mit breitem Bildungshintergrund als titelgebende Figur beschreibt, die aber über keinerlei Kreativität und im Grunde über keine eigene Persönlichkeit verfügt, sondern sich an der Konvention ausrichtet. Die andere zentrale Romanfigur, Kreisler, wird dargestellt in innerer Zerrissenheit, mit subjektiv motivierten Brüchen im Lebenslauf. Und das ist nun wohl das Entscheidende, wo immer man den Beginn der Moderne festmachen mag: es geschieht eine Wendung hin zur Subjektivität, es werden zunehmend die Einzigartigkeiten in den Blick genommen, auch die Abgründigkeiten des menschlichen Daseins und dies geht einher mit einer Stilpluralität und Aufwertung des Ästhetischen. Außerdem ändert sich der Erzählstil gravierend: die personale Erzählhaltung und der Anspruch, als Autor für den Leser Inhalte erlebbar zu machen, ohne zu beschreiben, wird zur Maßgabe für gelingende Literatur. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwieweit sich die Rolle des Lesers mit der Moderne verändert hat.

 

E.T.A. Hoffmann: „Die Lebensansichten des Katers Murr“

Text: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3095/1

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